Vom niederländischen Genever über den Londoner Ginrausch bis zur heutigen Vielfalt kleiner Manufakturen: Die Geschichte des Gins ist voller Wendungen. Hier erfährst du, wie aus Klosterdestillaten ein Wacholderschnaps wurde, warum Gin im 18. Jahrhundert London in Atem hielt, wie der London Dry Gin entstand, welche Rolle Westfalen in der Gin-Geschichte spielt und welche Gin-Stile es heute gibt.
| Gin-Geschichte auf einen Blick | |
|---|---|
| Mittelalter | Mönche brennen in Klöstern Kräuterdestillate, das aqua ardens |
| 17. Jahrhundert | Genever aus Leiden gilt als Vorläufer des Gins |
| 1689 | Wilhelm III. von Oranien wird König von England |
| 1720er bis 1750er | „Gin Craze“ in London, Gin Acts des Parlaments |
| 19. Jahrhundert | Säulendestillation, der London Dry Gin entsteht, Gin Tonic in Indien |
| 1920er | Cocktail-Ära in Europas Bars |
| ab 2000 | Renaissance mit neuen Manufakturen und Botanicals |
Von der Klosterküche zum Genussmittel
Schon in der Antike wurde mit der Destillation gearbeitet, um ätherische Öle herzustellen. Im Mittelalter wurde dieses Wissen in den Klöstern weitergetragen: Aus Kräutern brannten die Mönche Elixiere, die fester Teil der Klostertradition waren. Die hochprozentigen Destillate hießen aqua ardens – brennendes Wasser.
Erst im 16. Jahrhundert etablierte sich Alkohol zunehmend als Genussmittel. Gleichzeitig wurden Verfahren zur Destillation von Getreide entwickelt. Aus diesen Wurzeln entstanden landestypische Brände wie schottischer Whisky, französischer Cognac oder russischer Wodka.

Genever – ein Original aus den Niederlanden
Die genaue Herkunft des Gins ist nicht eindeutig geklärt. Als Vorläufer gilt der niederländische Genever. Der Überlieferung nach brannte der deutsch-niederländische Arzt Franz de la Boe im 17. Jahrhundert in Leiden aus Wacholderbeeren – niederländisch genever – einen Wacholderschnaps. Das Destillat wurde schnell beliebt, und de la Boe beauftragte Brennereien mit der Herstellung, um die Nachfrage zu decken. Wacholderschnaps wurde zu dieser Zeit aber auch in Frankreich und im heutigen Belgien gebrannt.
Dutch Courage – Gin kommt nach England
Während des Englisch-Spanischen Kriegs waren bis Anfang des 17. Jahrhunderts englische Soldaten als Verbündete in den Niederlanden stationiert. Dort lernten sie die Dutch Courage kennen: Die niederländischen Soldaten tranken sich vor der Schlacht mit Genever Mut an. Die Engländer brachten den Wacholderschnaps mit nach Hause und kürzten seinen Namen zu Gin.
1689 wurde der Niederländer Wilhelm III. von Oranien König von England, Schottland und Irland. Er förderte die heimische Produktion von Bier und Branntwein durch niedrige Steuern und erschwerte zugleich die Einfuhr von französischem Brandy und Wein. Seine Nachfolgerin Queen Anne lockerte die Regeln weiter, sodass praktisch jeder Gin brennen durfte – mit weitreichenden Folgen.
Gin Craze – Londons Ginrausch
Gin wurde zum billigen Massengetränk. In manchen Londoner Vierteln wurde in jedem vierten Haus Gin gebrannt oder ausgeschenkt. Um 1730 gab es allein in London rund 7.000 Ginläden, illegale Schänken nicht mitgezählt, und 1733 wurden in England etwa 47 Millionen Liter Gin getrunken. An jeder Straßenecke gab es für ein paar Pence einen Schluck.
Die Qualität war oft miserabel: Gepanschter Gin wurde mit Terpentin und sogar Schwefelsäure gestreckt. Um den Geschmack erträglicher zu machen, kamen Zucker und Rosenwasser hinein.
The Mother’s Ruin
Der massenhafte Ginkonsum hatte gravierende soziale Folgen. Kriminalität und Armut erreichten Höchststände, und weil auch viele Frauen tranken, bekam die Spirituose den Spitznamen The Mother’s Ruin – der Ruin der Mütter. Trotz hoher Steuereinnahmen sah sich das Parlament gezwungen zu handeln.
Die Gin Acts
Zwischen 1729 und 1751 sollten mehrere Gin Acts den Ginrausch eindämmen. Die Gesetze regelten Lizenzen, Verkauf und Steuern für Brennereien, Läden und Schänken und steuerten so Menge und Qualität. Zeitweise mussten Händler eine Lizenzgebühr von 50 Pfund im Jahr zahlen – damals eine enorme Summe. Ausschankzeiten und -mengen wurden begrenzt, doch vieles wurde weiter schwarz gebrannt.
Der Maler William Hogarth hielt die Zustände 1751 in seinem berühmten Kupferstich Gin Lane fest. Im selben Jahr brachte ein weiterer Gin Act, auch Tippling Act genannt, strengere Regeln für Verkauf und Lizenzen. Minderwertiger Fusel verschwand nach und nach, Preis und Qualität stiegen.
Vom Old Tom zum London Dry Gin
Die Brennereien experimentierten nun mit hochwertigeren Rezepturen. Mit dem florierenden Überseehandel kamen Gewürze, Kräuter und Wurzeln aus fernen Ländern nach England, die bis heute zu den klassischen Gin-Botanicals gehören – etwa Koriander, Kardamom, Zitrusschalen und Kubebenpfeffer. Auch Adel und feine Gesellschaft feierten den Gin nun in prunkvollen Gin-Palästen. Besonders beliebt war der leicht gesüßte Old Tom Gin.
Mitte des 19. Jahrhunderts ermöglichte die Säulendestillation sehr reinen Alkohol. So entstand der berühmte London Dry Gin: trocken, klar und mit einer dominanten Wacholdernote. Diese Stilrichtung prägt bis heute den weltweiten Gin-Markt.

Wie der Gin Tonic nach Indien kam
Ebenfalls im 19. Jahrhundert entstand das Tonic Water. Britische Soldaten und Beamte in der Kolonie Indien erhielten Chinin, das in Wasser gelöst äußerst bitter schmeckte. Mit Zucker, Zitrone und einem Schuss Gin wurde daraus ein erfrischender Drink – der erste Gin Tonic stammt also aus Indien. Daran erinnert bis heute die Bezeichnung „Indian Tonic Water“.
Die deutsche Wiege des Gins
In unmittelbarer Nachbarschaft zum niederländischen Genever beginnt die deutsche Wacholdertradition im heutigen Nordrhein-Westfalen. In Steinhagen bei Bielefeld wird die Wacholderbeere seit dem 15. Jahrhundert geschätzt. Mit der Verbreitung der Brennkunst im späten Mittelalter begannen die Einwohner, Wacholderschnaps für den eigenen Bedarf zu brennen.
Steinhäger in Steinzeugflaschen
Industrialisierung und neue Technik ermöglichten im 18. und 19. Jahrhundert die Destillation in größerem Stil. Ab 1840 wurde Steinhäger aus Steinhagen überregional vertrieben, typisch in Flaschen aus Steinzeug, die den Schnaps kühl halten. Anders als bei modernen Gins gibt beim Steinhäger allein der Wacholder das Aroma. Noch heute ziert ein Wacholderzweig das Stadtwappen von Steinhagen, und Steinhäger ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung.
Wacholdertradition in Westfalen
Auch am Rande des Ruhrgebiets gibt es eine lange Wacholdertradition: In Hagen-Haspe wird seit 1817 Doppelwacholder nach alter Rezeptur gebrannt. Die Feinbrennerei Sasse im Münsterland blickt auf eine Brenntradition bis ins Jahr 1707 zurück. Von dort stammen heute etwa der Grafschafter Kräuterwacholder und der Grafschafter Heide Gin.
Cocktail-Ära, Flaute und Renaissance
Anfang des 20. Jahrhunderts trieb die Prohibition viele amerikanische Barkeeper nach Europa. Ihre Trinkkultur prägte die Goldenen Zwanziger mit Gin-Cocktails wie dem Dry Martini, dem Tom Collins oder dem Negroni mit Wermut. Bis in die 1960er Jahre blieb Gin beliebt.
In den 1970er und 1980er Jahren stieg in Deutschland die Branntweinsteuer deutlich, und Wodka und andere Trendgetränke verdrängten den Gin. Nach Jahrzehnten, in denen er als altmodisch galt, erlebte Gin ab den frühen 2000er Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Neue, kleine Manufakturen experimentieren mit ungewöhnlichen Botanicals – von Bergamotte über Hibiskus bis zu regionalen Kräutern wie Heidekraut oder Lindenblüten. Heute gibt es weltweit Tausende Gins, jeder mit eigener Handschrift. Wie du sie vergleichst, liest du im Ratgeber Gin-Tasting.
Gin-Stile heute
Gin muss in der EU mindestens 37,5 % vol. haben, und der Wacholder muss geschmacklich vorherrschen. Innerhalb dieser Regeln haben sich verschiedene Stile entwickelt, mehr dazu in unserem Ratgeber Gin-Sorten:
- London Dry Gin: trocken, klar, dominante Wacholdernote, keine Aromazusätze nach der Destillation – zum Beispiel der London Dry Gin 47 % der Deutschen Spirituosen Manufaktur
- Dry Gin: trocken, aber weniger streng reglementiert als London Dry
- New Western Gin: neben dem Wacholder stehen andere Botanicals stärker im Vordergrund
- Old Tom Gin: leicht süßer Stil aus dem 18. Jahrhundert
- Plymouth Gin: traditioneller Stil aus der englischen Hafenstadt Plymouth, etwas weicher und erdiger als London Dry
- Sloe Gin: Likör aus Gin und Schlehen, etwa für den Sloe Gin Fizz
Alles Wissenswerte über die Spirituose selbst findest du im Gin-Ratgeber, eine Auswahl aus kleinen Brennereien in unserer Kategorie Gin.